Der Hund, der Frust und das Mehr

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Lust und Frust

”Wasserscheu” sagte man mir, bevor ich losfuhr. ”Dyba ist wasserscheu”. Also blieb der 13 Monate alte Labrador an meiner Seite, als ich meinen Hund von der gespannten Leine ließ. Bereits der Geruch von Seewasser trieb ihm die pure Lust in die Läufe.

Halb aus der Hüfte und halb aus dem Handgelenk war es wieder ein typischer fifty-fifty Wurf. Leicht nach oben gezogen wirbelte der Stock mehrfach um die eigene Achse, bevor das Wasser aufspritzte. Für Inka, meine Hündin, war Flugbahn und Wurftechnik eine schöne Nebensache. Mehr nicht. Sie konzentrierte sich auf die Wasseroberfläche und auf ihr Gehör. Langgestreckt sprang sie ins Wasser und schwamm trotz der leichten Wellen in ihrem Blickfeld zügig in Richtung ihrer Ortung. Ansonsten hätte ich sie mit dem Kommando links oder Rechts korrigiert.

Dyba fiepte neben mir auf. Das sich ihre beste Freundin im Wasser von ihr entfernt, war für sie völlig neu. Nun trennte sie ihre Scheu vor dem Wasser.

Welche Empfindungen haben Tiere?

Sind Verlustängste das Einzige, was wir bei einem Hund wahrnehmen, oder gibt es noch etwas mehr? Etwas, was über Angst oder Übermut hinausgeht.

Es gibt nicht wenige, die den Hund als den besseren Menschen sehen. Aber wo ist der Nachweis? Können wir tatsächlich von jedem Hund Empathie oder gar Grundsätze erwarten, wie sie uns bereits von Einzelfällen bekannt sind?

Bis in das Jahr 2010 wurde die Intelligenz von Hunden mit der eines Kleinkindes im Alter zwischen zwei und drei Jahren verglichen. Wobei das lediglich für ”intelligente Rassen” galt. Das gleiche galt auch für die Beurteilung der Gefühlswelt. Ein fataler Fehler, kritisierten viele Hundefreunde den letzten Punkt, da er in der Hundeerziehung eine völlig falsche Basis legte.

Erst in den folgenden Jahren reichte die Wissenschaft mittels MRT einen Einblick in die Gefühlswelt von Hunden nach. Gregory Berns in den USA und Adam Miklósi aus Ungarn trainierten die Hunde auf eine lange Liegezeit im Tomographen und beobachteten ihre Gehirnareale bei verschiedenen Einspielungen. Dabei stellten sie unabhängig voneinander fest, dass Hund und Mensch ähnlich fühlen. Auch in der Frage der Gerechtigkeit. – Siehe Anhang –

War es Frust, Verunsicherung oder Respekt?

Die Frage nach der Gerechtigkeit stellte sich auch für mich, nachdem Inka mit ihrer ”Beute” an Land kam. Übermütig drehte sie wie immer eine wilde Ehrenrunde. Lief nochmals high speed auf uns zu und drehte vor uns ab.

Normalerweise war das für Dyba eine Spielaufforderung – aber sie blieb. Selbst als Inka den Stock später vor uns ablegte. War es Frust, Verunsicherung oder Respekt? Oder von allem etwas? Sie tat mir leid.

Inka bekam Lob und Leckerli. Und Dyba? Ich zögerte. Sie bekam ein fettes Lob für ihre Haltung.

Danach warf ich den Stock noch zwei Mal in Ufernähe ins Wasser. Immer mit der Absicht, dass Dyba durch ihre erhöhte Blick-Position den Schwimmablauf verinnerlicht. Wenn sie etwas durch Beobachtung lernen würde, dann von ihrer besten Freundin.

Gleichzeitig sah ich immer wieder zu meinem Stammplatz mit der kleinen Sandbank und dem flachen Einstieg. Aber dort spielte noch immer ein Hund.

Der Regenbogen

Die leichte Brise über dem See flaute ab, und an der anderen Uferseite gingen zwei Surfer an Land. Ich setzte mich hoch an die Birken, die mich Jahr für Jahr mit Stöcken beliefern, und beobachtete Inka und Dyba, wie sie sich gegenseitig ihre Fundstücke abjagten. 

Diesmal war es Inka, die für Nachschub sorgte. Klar und rein lag der kurze Birkenast quer in ihrem Maul. Fast sogar ein wenig provokativ. Zwei mal rasten sie an mir vorbei, aber Dyba ließ nicht locker. Im Gegenteil – sie holte auf. Am Ende sprang Inka ins Wasser und Dyba hinterher.

Der erste Panikblick beruhigte. Es sah gut aus. Sie schwamm zwar mit langem Hals, aber ansonsten lag sie richtig gut im Wasser. Selbst ihr Hinterteil war oben. Aber mehr sollte nicht sein. Als ich sie abrief, blieb sie ruhig und orientierte sich einzig und allein an Inka.

Zurück am Ufer schüttelten sie sich synchron das Wasser aus dem Fell. Was für ein Bild.

Mit der Sonne im Rücken erkannte ich in ihrem Sprühregen einen Regenbogen. Und was würde ich der Legende nach an seinen Enden finden? Einen Topf voll Gold? Nein, zwei Goldies, die in Zukunft ”noch mehr” voneinander haben.

© Dieter Wolff

Nachtrag:

Eine direkte Verlinkung würde leider mein Format sprengen (Vorschaubilder eca.)

Wer dennoch die Gefühle von Tieren lieber selbst beurteilen möchte, kann gerne die drei eingetragenen Youtube Suchanfragen eingeben.

Gurke oder Traube?

Wer wissen will, wie viel Mensch in einem Kapuzineraffen steckt, sollte bei google nach:

Youtube Capuchin monkey fairness experiment

suchen.

Haben Hunde Mitgefühl? 

Wer glaubt, dass Hunde nur Instinkt gesteuert sind, sollte bei google nach:

Youtube Hund zerrt angefahrenen Gefährten von Highway

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Können Hunde Situationen deuten?

Wer eine fette Grenze zwischen Hund und Mensch zieht, sollte bei google nach:

Youtube Tiere retten sich gegenseitig. Erstaunliche Fälle gegenseitiger Unterstützung zwischen Tieren

suchen, und sich die beiden Clips ab der Minute 2,58 ansehen.