Der Tag als der Nebel kam

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Mehr Nebel als in Baskerville.

Mondlicht schimmerte in feuchten Wiesen, als mein Hund seine Nase dicht über das Gras führte. Der Herbst roch mild, und das Laub unter meinen Füssen wurde dünn. Der weiche Lichtbogen an der ersten Straßenlaterne faszinierte, und der zweite weckte eine Vermutung. Waren das die Boten eines zarten Frühnebels? Der Tag war warm, die Nacht wurde kühl. Aus dem Tau würden Brillianten, und aus dem Alltag ein weicher ”Sonn-Tag”.

Am nächsten Morgen änderte bereits der erste Zug an der Jalousie den Lauf der Dinge. Alles was folgte, unterwarf sich der Trägheit des Nebels. Wer auf der jagt nach dem Glück war, sprach abends über Entschleunigung. Und wer wie ich auf dem Fahrrad saß, erlebte vergangene Nebeltage hautnah. Der Tag an der Themse in London, die Wanderung durch Schottland. Die Ästhetik am Bodensee und im Allgäu; der Hochnebel im Schwarzwald und in den Pyrenäen. Und, je mehr ich in die Pedalen stieg, desto sicherer wurde ich.

Dieser Nebel griff in seiner Kategorie nach sämtlichen Preisen.

Einschließlich einer Oscar-Nominierung für das beste Szenenbild. Von der deutschen Küstenwache kämen fünf Leuchttürme – mehr geht nicht -; und von der Insel Usedom fünf Nebelhörner. Von den CCC Filmstudios: ”Hier spricht Edgar Wallace”, gab es zehn Studiolampen und aus England die Höchstwertung in der Form von drei Scherenschnitte von Sherlock Holmes. Caspar David Friedrich würde wegen der fehlenden Weitsicht seine Teilnahme verweigern, und Claude Monet mit einer Teedose aus seiner Zeit in London grüßen. Die Absage von Caspar David Friedrich war ohnehin keine Überraschung. Schließlich bedachte er bereits seinen einstigen Förderer Johann Wolfgang von Goethe mit einer Abfuhr.

Knapp und gruselig wäre die Notiz von Edgar Allan Poe, und anhaltend besorgt die Warnungen der regionalen Radiosender: „Streckenweise muss wegen dichten Nebel mit erheblichen Sichtbehinderungen gerechnet werden. Vermeiden Sie deshalb unnötige Fahrten.” Und so sollte es auch sein.

Was mit Faszination begann, endete in Ernüchterung. Dieser Nebel war kälter als die flüchtig, archaischen Nebelschleier über den bewaldeten Berghängen. Und er war dichter und farbneutraler als der Smog in London, der einst mehr und mehr bitter gelblich ständig die Hand an die Lippen führte. Tage später erkannte ich in Schottland von einer Anhöhe wenigstens noch die blassen Umrisse von Urquhart Castle am Loch Ness. Und das im Mutterland des Nebels. Und jetzt? Träge und schwer legte er sich über alles bisherige und stahl mir sogar vor meinen Augen das Ortsschild.

Dem Himmel so nah wie der Erde

Plötzlich waren sie da…, diese zwei matten Lichter. Unvermittelt, geräuschlos.

Kam jetzt die Invasion der Trugschlüsse oder gar die Begegnung mit der dritten Art? Sollte ich mit Inka dem Himmel bald so nah sein wie der Erde? Noch lag der Viehstall vor mir unter dichtem Nebel und nicht unter farbigen Licht. 

Nein, ich wurde nicht Zeuge einer neuen Zeit. Und das Mysterium würde auch nicht auf die UFO-Legende Roswell oder Area 51 verweisen. Ich wurde lediglich Zeuge eines fatalen Umstands. Ein Autofahrer verlor für Sekunden den Bezug zum Mittelstreifen der Straße, und reagierte erst spät aber sanft. Ein hässlicher, aber für mich verständlicher Moment. Auch ich bin bei Streulicht ein miserabler Autofahrer. Was mich jedoch mehr irritierte war die Stille. Hatte ich nichts gehört, weil mir der Nebel Einsamkeit suggerierte? Und reicht dieser Adrenalinschub zur Überquerung der Landstraße in Richtung Moor? Oder wäre diese Aktion Russisches Roulette mit einem Misthaufen an der Seite? Das Ganze klang so, wie es sich anfühlen musste.

Der Schattenjäger

Bis zur Abbiegung in die Moorstraße sank meine gefühlte Sicherheit auf null, während mir die nüchterne Physik – Weg durch Geschwindigkeit – einen Angstfaktor von knapp drei Sekunden anbot. Etwas mehr Empathie hätte ich da schon erwartet. Das war gerade einmal trocken schlucken. Bei einer Sichtweite von 25 Meter und einer Beschleunigung aus dem Stand? Es könnte eng werden! Und für Inka im Einzelstart? Allein der Antritt brachte ihr Risiko auf null. Und bei mir? Mit Anlauf?! Auch da müsste die Realität sehr sehr böse sein.

Nach wenigen Metern hieß es für Inka ”sitz und bleib.” Und sie blieb. Sie würde selbst bei freier Sicht auf einer Entfernung von 50ig Metern per Handzeichen bleiben. Und so sollte es auch diesmal sein. Jetzt im dichten Nebel, als mir der Spurt in die Muskeln stieg. Ein Zuruf an Inka mit ”bleib” und die Sache war durch.

Und Inka? Sie blieb, wo sie war – wie angegossen. Ihre Jagd nach Anerkennung beginnt stets mit Geduld und startet mit unsäglichem Tempo. Ein Tempo, das sich in der Zeitlupe als epische Dynamik offenbart. So wie jetzt – als der Pfiff kam. Bereits bei ihrem Antritt schien es, als jagte Sie ihren eigenen Schatten. In diesem fahlen Licht ohne Schatten; in dem sich jetzt wieder die pure Begeisterung entlud.

Und es ist wieder die reine Anerkennung, die eine Gerade zieht. Selbst wenn sie gegen die Sonne läuft, oder ihr nasses Gras gegen die Augen schlägt. Begleitet von einem ”Suuuper”, als käme es aus tausend Kehlen von den Rängen eines Stadions. 

Und jedes Mal wenn sie dann mit Blick eines Torschützen vor mir steht, gibt es ein schmales Leckerli und Knuddeln satt. Sie sollte nicht jagen, musste nicht jagen, sondern nur Freude am sprinten haben. Ihre Beute ist mein Vertrauen und meine volle Zuneigung.

© Dieter Wolff

Fortsetzung:

Grün oder gelb