Ein Hund nervt Goethe!

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Knallte Goethe wegen einem Hund mit Türen?

Nur der Wind nahm sich die Stille zum Spiel. Erhaben spielte er mit Wolken und Mondlicht; mit Fülle und Details. Bäume, die eben noch mächtig erschienen, verebbten ebenso zart und flach im dünnen Licht. Über den Pflasterwegen der Stadt Weimar schimmerte silberne Nässe, und über taunasse Wiesen tanzten feine Nebelstreifen. Alles war leise voneinander getrennt.

Hier und da leuchtete Kerzenlicht, und in tieferen Gassen flackerte es gelb-goldig in ein tiefes Schwarz. Aufkommende Windböen trugen Stimmen vor sich her, und die Bäume erlangten wieder Stolz. Aus ihrer Mitte trat ein Mann, dessen Mantel sich eben wie imposante Flügel erhoben. Und als hätte er seine Freude daran, ließ er die Arme erneut durch Wind, Licht und Schatten schwingen. Es war Goethe, der mit seinem Jugendroman „Die Leiden des jungen Werthers“ und später mit „Faust“ Weltruhm erlangte. 
Bis zu dieser Stelle trug der Wind damals die Ovationen aus dem Hoftheater Weimar. Für Goethe war es seit Tagen Geschichte. Wie das Licht auf den Dächern, das eben unter den Wolken entschwand. Noch einmal öffnete sich der Mantel zu riesigen Flügeln. Flog er nun über Erinnerungen, oder setzte er ein Segel in die Zukunft? Woher nahm er seine Leichtigkeit? Und was geschah in diesen Tagen des Jahres 1817?

Geschichte oder Erzählung?

26 Jahre leitete Goethe das Hoftheater Weimar bevor er abtrat. Aber warum? Was erzählte man sich auf dem Markt und in den engen Gassen Weimars? Spötter behaupteten: „Ein Hund habe ihn weggebissen“. Oder: „Ein Hund hätten die bessere Nase für’s Publikum“.
1814 begeisterte „Der Hund des Aubry“ von Paris aus die Bühnen Europas. In der deutschen Darstellung sah man Rudolf Karsten und Nero seinen dressierten Pudel, der in diesem Stück den Mörder seines Herrchens erkennt. Das Melodram rührte die Herzen aller Klassen und wurde zum Inbegriff der Unterhaltung. Im September 1815 kam es als deutsche Übersetzung in Wien auf die Bühne, und im Oktober riss es das Publikum in Berlin von den Stühlen.

Die Fäden der Liebe

Zwei Jahre später schlug die Schauspielerin Caroline Jagemann das Hunde-Melodram in Weimar vor. Allerdings sprach sie nicht mit Goethe, sondern mit Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Dieser trat nicht nur als großer Hundefreund auf, sondern auch als ihr treuer Gönner. 
Dass Karoline Jagemann eines Tages ihre natürliche Begabung auf die Bühne des Lebens stellte, dürfte Goethe als Dramaturg nicht sonderlich überrascht haben. Dass man ihm aber mal eben den Spielplan aus der Hand nahm und seine Bühne zur Posse verkommen sollte, brachte ihn gewaltig in Wallung. Als Meister seines Faches erkannte Goethe natürlich nicht nur die Fäden der Liebe, sondern auch das Netz der Intrige und sprach im engen Kreis prompt von Rücktritt.

Goethes Abgang

Wie durchlässig dieser „enge“ Kreis war, bewies Julie von Egloffstein am 21.3.1817 in einem Brief an ihre Mutter.
„ … Was Goethes Verdruss über Chien d´Aubry betrifft, so ist dieser durch des Herzogs Wunsch, denselben seine Künste auf der Bühne darstellen zu sehen, erregt worden – und zwar so sehr, dass er ans Abgehen vom Theater gedacht, sich aber endlich mit einer bloßen Flucht nach Jena begnügt, wo er nun so lange zu verweilen bedenkt, wie der hündische Schauspieler sich hier aufhalten wird. Das nenne ich ästhetischen Sinn. Hätte ich doch nie geglaubt, dass der große Goethe vor einem Hund die Flucht ergreift“. 
Aber Goethe dürfte auch gewusst haben, dass ein Spielplan dem Wandel der Zeit unterliegt. So schrieb bereits 1810 der Karlsruher Regisseur Peter Mittell: „Wenn die hohe Idealität die Kasse leert, muss die gemeine Natur sie füllen“. 
Und so wackelte am 12. April 1817, wie von Carl August erwartet, Nero´s Schwänzchen auf der Bühne, während Goethe in Jena seinen Rücktritt unterschrieb. Damit verließ er die Bühne für immer, blieb aber in Weimar.

”Gebt euren Kindern Wurzeln und Flügel.“

Ob das Zitat von Goethe stammt, ist leider nicht belegt. Vielleicht stammte es von einer Person, die in jener Nacht Zeuge des Moments wurde, in dem der Dichterfürst die Arme zu Flügeln erhob. Dass Goethe allein wegen eines Hundes nach 26 Jahren Direktorat die Bühne von Weimar für immer verließ, bereichert zwar die Anekdoten, hinterlässt aber ernsthafte Zweifel.
Nachdem seine Frau Christiane
im Juni 1816 nach langer Krankheit starb, betrat er wohl ganz bewusst einen neuen Lebensabschnitt.
Akribisch arbeitete er zunächst seine „Italienische Reise“ auf. Anschließend galt seine Liebe den Naturwissenschaften. 1818 wurde er Mitglied der renommierten „Leopoldina“, die im Juli 2008 den Titel „Nationalen Akademie der Wissenschaften“ erhielt.

© Dieter Wolff

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Was noch geschah:
Nach Goethes Rücktritt berief Maria Pawlowna, Gemahlin von Großherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach, den europaweit gerühmten Mozartschüler und Klaviervirtuosen Johann Nepomuk Hummel als Kapellmeister nach Weimar. 1850 erlebte Weimar die Uraufführung von Richard Wagners Oper „Lohengrin“.

Über Frau Caroline Jagemann, die Goethe als Diva und Mätresse des Herzogs gegenübertrat, schrieb er später:
„Eine edle Simplizität bezeichnet ihr Spiel und ihre Sprache. Und beides weiß sie, wo es nötig ist, auch zu tragischer Würde zu erheben.“
1824 übernahm sie als Oberdirektorin die Leitung des Hoftheaters.

Im März 1825 brannte das Hoftheater vollständig nieder. Bereits im September desselben Jahres wurde wieder in einem „leichten Bau“ an gleicher Stelle Rossinis Oper „Semiramis“ aufgeführt.

Carl August von Sachsens Liebe zu Hunden ging später in die Aufzucht der Rasse „Weimaraner“ über. Diese wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ausschließlich an seinem Hof gehalten. Ab 1890 wurde die Rasse „reinerbig“ gezüchtet, und nur an Jäger abgegeben.

Fortsetzung:

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