Ein Hund entdeckt die Sensibilität

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Reden wir lieber über die Entdeckung eines Hundes

als über die Verfehlung der Gemeinde Santillana del Mar, die in Wahrheit vier Kilometer vom Strand entfernt liegt. Es sei denn, die Sehnsucht nach dem Meer übertraf alles. Die Sehnsucht nach einem normalen Leben war es auch, die Modesto Cubillas mit seinem Hund auf den nahen Hügel der Gemeinde Santillana del Mar trieb. Dort roch es wenigstens für eine feine Nase bei gutem Wind nach Meer. Ciro, der Hund an seiner Seite, der eben prüfend die Nase nach oben hielt, roch es mit Sicherheit. Aber sonst?

Mönche waren es sicher nicht, die dem Ort seinen Namen gaben. Und wenn, dann war es eine Sünde. Ebenso war es eine Sünde, das auf dieser Anhöhe kein Kloster oder Anwesen stand. Weit sichtbar über alle erhaben! Selbst der Eigentümer Don Marcelino Sanz de Sautuola, nannte sie schlicht Altamira! – ”Hohe Aussicht” –

Der Jakobsweg beginnt vor der Haustüre

”Ja“ gab sich Modesto Cubillas großzügig, ”hier oben lässt es sich residieren“. Im Süden zeigt sich das Kantabrische Gebirge, und im Westen sah er die Gebirgskette um den Torre de Cerredo. Und immer wenn er hier stand, fragte er sich, warum nur er so dachte. Der Wald hinter ihm stärkt bei Hitze die Seele, und die Sonnenuntergänge lehren Demut und Verehrung.
Don Marcelino Sanz de Sautuola brauchte für diese Erkenntnis sicherlich keine Bestätigung. Schließlich war er der Herr über diesen Grund und Boden. Aber die Zeichen für ein großes Vorhaben standen schlecht. In den Städten bildeten sich revolutionäre Juntas und die Wirtschaftskrise trieb die Preise in die Höhe. 
In Santillana klagten die Händler bereits über das Ausbleiben der Pilger auf dem Jakobsweg. Ein Klagelied, das der frische Ostwind über den gesamten Camino del Norte bis zum Pilgerziel Santiago de Compostela trug. Und das bedeutete nicht nur Salz auf den Lippen, sondern auch Brot für heute und Hunger für morgen. Wie sagte einst seine Mutter: „Der Jakobsweg beginnt vor der Haustüre.“ Und das galt natürlich auch für die 30ig Kilometer östlich gelegenen Stadt Santander, in der sich ebenfalls Protest erhob. In dieser Unruhe müsste Don Marcelino für jeden Mann auf dem Gut dankbar sein. Jede Revolte brachte auch Krawalle. Oder setzte er lieber auf zwei junge Männer für den Preis von einem?

Sollte er fragen oder besser schweigen?

Modesto sah über die sanft rollenden Wiesen und fragte sich, ob dieser Blick der Letzte sei. Wollte er dabei über Politik grübeln? Nein! Er wollte diese Aussicht auch in Zukunft genießen. Und er wollte sich auf das Gespräch mit Don Marcelino vorbereiten. In einem weißen Hemd und mit blanken Stiefeln. Jeden einzelnen von ihnen hatte er bereits mit zwei Reihen Nägel neu beschlagen. 
Kraft und Sicherheit sollten ihm auf dem Pflaster zum Gut vorauseilen. In den Räumen selbst wären sie natürlich wie die Pfoten einer Katze. Mit der Hand am Herz würde er grüßen, und fortan jeder Silbe seines Gutsherren folgen. Wie sah er die Lage? Wo klang seine Stimme nach Verständnis und wann setzte er Pausen? Wie war sein Blick, und wo seine Hände? Würde er weiterhin nur in exotische Pflanzen oder doch lieber in Vieh investieren? Sollte er selbst fragen oder besser schweigen? Er müsste ihn fragen. Alles was er hatte, trug er an den Füßen; und jeder Céntimo war ihm heilig. Gerade jetzt, nach der Währungsreform. Aber Fragen bedeutet auch zweifeln. Und das war eine Beleidigung. Viel besser wäre ein Hinweis auf die Sicht von eben. Die Berge, die Wiesen der Wald. Und dass er in allem eine schöpferische Hand sah. Ja, das würde seine botanische Neigung streicheln. Und dass Ciro, sein Hund, wirklich die beste Wahl war.
Vor Jahren empfahl er ihm eine Dogge. Einen Alano! Aber Don Marcelino winkte ab. „Haben wir Jungstiere?“ Nein hatten sie nicht! Aber Modesto wusste, was gemeint war. Mit einem „Alano“ kann man Jungstiere bändigen. Und nicht nur die. Mit einem „Alano“ bist du unberührbar. Mit ihm gewinnt man Schlachten aber keine Freunde. Don Marcelino hingegen hatte eine große Familie und viele Freunde; und er keine. Bis zu dem Tag, als sein Herr mit Ciro kam. Seitdem hatte er den besten Freund, den er je hatte. Und wegen seiner Nase und seiner Stellung im Rudel den besten Leithund aller Zeiten. Sicher in der Spur und ein Garant für Ordnung und Sicherheit in der Meute. Damit gab er Modesto all das, was er selber an sich sah. Wären da nicht seine armseligen Schuhe und die Schmerzen im Knie. Mehrmals schüttelte er sein Bein aus und wünschte sich einen neuen Körper und weniger Sorgen. 

Wo ist Ciro, sein Hund?

Lange stand er da und ließ den Blick in sich hineinwandern. Auch sein Hund blieb hier stets sitzen und genoss den Blick. Aber wo war er jetzt? Wo war Ciro, der den Schmerz im Knie vergessen ließ? 
Ein kraftvoller Pfiff. Nichts. Bis zum Waldrand waren es vierzig Meter. Ein Abstand, der über jede Gewohnheit hinausging. Er könnte weitergehen. Nochmals hob er den Kopf und schärfte im halbhohen Gras die Sinne, als säße er bereits Don Marcelino gegenüber. Nichts! Er hörte weder verstörte Raben noch Krähen; nur das Zirpen einer Grille.
Jeder Schritt in Richtung Wald steigerte die Erwartung, und jeder Schritt nahm ihm eine Erklärung. Und ebenso stand er nun am Waldrand. Halb Hund halb Gärtner, trennte er Licht und Schatten. Jede Versenkung wurde zum Fluch, und jede Höhe zur Enttäuschung. Ebenso stellte er die Fährte nach Fleisch gegen die Treue. Modesto entschied sich für die Treue und somit für die Hoffnung. Und die lag jetzt irgendwo in dieser unberührten Idylle, in der nun alles dichter, wilder und gedrungener erschien als zuvor. Aber Modesto war sich sicher: Der König der Spuren suchte keine, sondern lag irgendwo vor einem Erfolg und spielte mit der List. 
Kein Alano könnte ihm den Fang nehmen. Er würde ihn täuschen, er würde ihn locken und er würde ihn ermüden. Ciros Stäke war nie die Kraft, sondern die List und die Ausdauer.

Was jagte ihn in die Tiefe?

Erneut drang Modestos Blick in die Tiefe der Schatten und seine Gedanken in den glücklichen Zufall. Da war die gestaffelte Farngruppe neben dem gefallenen Baum, die er ständig ausschloss. Schatten hüten ein Geheimnis, aber wohl kaum das majestätische Licht auf den oberen Kronen. Und so war es wohl die Intuition und weniger die Logik, die ihn führte. Weg von der Monotonie der Schatten und der Stille. Dort tanzte das Leben und die Mücken atmeten reines Licht. Und in ihrem Glanz wünschte sich Modesto die Treue, die jeden Wink des Auges und der Hand verstand. 
Aber war da nicht eben eine leichte Bewegung im Farn? Hier roch es förmlich nach satter, offener Erde. Nach Flucht, Versteck und Beute. Und war das nicht eine Mulde, über die der Baum quer lag. Eingefasst mit Steinen, als wäre es ein Diamant?

Und da stand Ciro. Mit dem Kopf in der Erde, als blickte er in eine weite Tiefe. Unbändiger Spurwille schob ihn neben einen Fels tiefer und tiefer unter die Farndecke.

Die Entdeckung der Sensibilität

Modestos Brust erhob sich im Seitenlicht. Ja, sein Hund wäre bei der nächsten Treibjagd wieder der Garant für den Erfolg. Behutsam zog er ihn wieder zurück und griff stolz in die Tasche nach einem Stück Hartkäse. Gleichzeitig rollte er mit seinem Fuß einen Stein über einen Spalt, aus dem wohl für Ciro die pure Ekstase drang.
In seiner Fürsorge ahnte Modesto nicht, dass sein Hund eine Sensibilität entdeckte, die in der damaligen Betrachtung als völlig undenkbar schien. Ja geradezu verachtet wurde. Nichts deutete auf eine Brücke in die Vergangenheit, unter der weit vor ihm das Jagdglück meisterlich verehrt wurde. In Rostrot und mit präzisen Konturen fanden sich später Bilder wie Verse und Reliefs voller Sinnlichkeit. Sensibel nutzten sie die Erhebungen und Fugen der Steine, für die von ihnen verehrte Anatomie der Tiere. Ihr Feingefühl für Rundungen und Formen entsprach dem von Modesto, als er im tiefen Gegenlicht Ciro liebevoll an sich zog. 
Noch ehe er ging, rollte er einen Stein über das Loch. Es war die späte Stunde, und das Gespräch mit Don Marcelino über seine Zukunft, die ihn antrieb.

© Dieter Wolff

Fortsetzung:

Die Kälte des Émile Cartailhac.
Nichts deutete in diesen Tagen auf die engen Bande des Schicksals zwischen Modesto und Don Marcelino hin. Und niemand ahnte, dass noch ein Mann im Licht einer Bühne in ihre Zukunft treten würde. Ein Mann, der mit einem einzigen Satz einen ganzen Saal in Wallung brachte, und als Émile Cartailhac auf der Rednerliste stand.